Sind Kühe schlauer als wir denken?

Die Vorstellung von der kognitiven Welt der Nutztiere ist oft von Stereotypen geprägt, doch eine dreizehnjährige Kuh aus Kärnten stellt diese Annahmen nun grundlegend infrage und rückt die Intelligenz von Rindern in ein völlig neues Licht. Veronika, die auf dem Biohof von Witgar Wiegele ein artgerechtes Leben führt, hat eine außergewöhnliche und komplexe Fähigkeit entwickelt, die bisher in dieser Form primär Menschen und Schimpansen zugeschrieben wurde: die gezielte Nutzung von Werkzeugen. Ihr Verhalten, das sich über Jahre hinweg verfeinerte, begann mit dem einfachen Aufheben von Ästen, um sich an schwer erreichbaren Stellen zu kratzen. Diese anfänglich simple Handlung entwickelte sich zu einer hochentwickelten Technik, bei der sie landwirtschaftliche Geräte wie Besen, Rechen und Schrubber als verlängerten Arm einsetzt, um lästige Insekten abzuwehren und Juckreiz zu lindern. Die Präzision, mit der sie dabei vorgeht, hat nicht nur ihren Besitzer, sondern auch die wissenschaftliche Gemeinschaft beeindruckt und eine intensive Untersuchung ihrer bemerkenswerten Fähigkeiten ausgelöst.

Von der Beobachtung zur Wissenschaftlichen Erkenntnis

Die außergewöhnlichen Fähigkeiten von Veronika erregten die Aufmerksamkeit der Kognitionsbiologin Alice Auersperg von der Veterinärmedizinischen Universität Wien, die das Verhalten der Kuh nach der Analyse von Videoaufnahmen vor Ort studierte. Ihre Forschung, deren Ergebnisse im renommierten Fachmagazin „Current Biology“ veröffentlicht wurden, dokumentiert eine beeindruckende Flexibilität und Zielgerichtetheit. Veronika wählt ihre Werkzeuge nicht zufällig, sondern passt sie an die jeweilige Aufgabe an. Für ihr sensibles Euter verwendet sie beispielsweise den glatten, schonenden Besenstiel, während sie für robustere Körperpartien die kräftigen Borsten eines Schrubbers bevorzugt. Diese bewusste Auswahl deutet auf ein tiefes Verständnis für die Eigenschaften der Gegenstände hin. Darüber hinaus demonstriert sie eine bemerkenswerte motorische Kontrolle, indem sie die Werkzeuge geschickt mit ihrer Zunge ausrichtet und die aufgewendete Kraft präzise dosiert, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Dieses planvolle und flexible Vorgehen widerlegt die Annahme, dass es sich um ein zufälliges oder instinktives Verhalten handelt, und liefert stattdessen starke Indizien für höhere kognitive Prozesse.

Ein Plädoyer für das Potenzial im Tier

Der Fall von Veronika warf eine entscheidende Frage auf: War sie eine geniale Ausnahme oder ein Beispiel für ein unentdecktes Potenzial, das in vielen ihrer Artgenossen schlummert? Die wissenschaftliche Analyse legte nahe, dass ihr intelligentes Verhalten kein isoliertes Phänomen war, sondern vielmehr das Ergebnis ihrer optimalen Lebensbedingungen. Auf dem Biohof hatte sie den Freiraum und die stimulierende Umgebung, die es ihr ermöglichten, ihre angeborene Neugier und ihre Problemlösungsfähigkeiten zu entfalten. Die Forscherin Alice Auersperg vertrat die Ansicht, dass auch andere Kühe zu solchem komplexen Werkzeuggebrauch fähig sein könnten, ihnen jedoch in der konventionellen Haltung oft die materiellen und mentalen Anreize dazu fehlten. Veronikas Geschichte wurde somit zu einem eindringlichen Beleg dafür, wie stark das Umfeld die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten bei Tieren beeinflusst. Es wurde deutlich, dass eine artgerechte Haltung nicht nur dem Wohlbefinden dient, sondern auch die Entfaltung der vollen intellektuellen Kapazität eines Tieres ermöglichte.

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