Während die Energiewende weltweit nach effizienten Speicherlösungen für erneuerbare Energien sucht, demonstriert China mit der Inbetriebnahme eines gewaltigen neuen Kraftwerks, wie eine fast vergessene deutsche Erfindung die Antwort auf die schwankende Stromerzeugung aus Wind und Sonne liefern könnte. In der ostchinesischen Provinz Jiangsu wurde kürzlich der weltweit größte Druckluftspeicher (CAES) in Betrieb genommen, eine Technologie, die ihre kommerziellen Wurzeln in Niedersachsen hat, dort aber nie über den Status einer Nischenlösung hinauskam. Dieses beeindruckende Projekt wirft ein Schlaglicht auf die unterschiedlichen strategischen Ansätze im globalen Wettlauf um die Energiesicherheit und zeigt, wie technologische Innovation oft erst durch konsequente Weiterentwicklung und großflächige Anwendung ihr volles Potenzial entfaltet. Chinas Fähigkeit, bewährte Konzepte zu adaptieren und in beispiellosem Maßstab zu optimieren, stellt die ursprünglichen Pionierländer vor neue Herausforderungen und wirft die Frage auf, warum das Potenzial dieser Technologie in ihrem Ursprungsland so lange ungenutzt blieb.
Von Huntorf Nach Jiangsu ein Technologischer Quantensprung
Die Geschichte der kommerziellen Druckluftspeicher begann bereits 1978 in Huntorf, Niedersachsen, mit der Errichtung des weltweit ersten Kraftwerks seiner Art. Mit einer Leistung von 321 Megawatt war die Anlage für ihre Zeit eine technische Meisterleistung und dient bis heute als zuverlässiger Puffer im Stromnetz. Dennoch blieb sie in Deutschland ein Einzelstück, ein Pionier ohne direkte Nachfolger. Fast ein halbes Jahrhundert später hebt China diese Technologie auf eine völlig neue Ebene. Das in Jiangsu errichtete Kraftwerk übertrifft seinen deutschen Vorläufer in allen Dimensionen: Es verfügt über eine Leistung von 600 Megawatt und eine gewaltige Speicherkapazität von 2.400 Megawattstunden. Damit kann die Anlage jährlich genug Strom erzeugen, um rund 600.000 Haushalte zu versorgen und die Volatilität der erneuerbaren Energien wirksam auszugleichen. Dieser Sprung ist mehr als nur eine Vergrößerung; er repräsentiert eine tiefgreifende Weiterentwicklung des ursprünglichen Konzepts, das nun an die Bedürfnisse moderner, von erneuerbaren Energien dominierter Netze angepasst wurde.
Die Zukunft der Energiespeicherung wird in China Geschrieben
Der entscheidende Fortschritt des chinesischen Projekts lag in der signifikanten Steigerung des Wirkungsgrades. Während die alte Anlage in Huntorf einen Wirkungsgrad von 42 bis 54 Prozent erreichte, erzielte die neue Generation in Jiangsu beeindruckende 71 Prozent. Dieser Effizienzgewinn wurde durch die Integration fortschrittlicher Wärmespeicher ermöglicht, bei denen Technologien wie Druckwasser und Salzschmelze zum Einsatz kamen, um die bei der Kompression entstehende Wärme zu speichern und für die spätere Stromerzeugung wieder nutzbar zu machen. Diese Optimierung machte die Technologie wirtschaftlich und technisch weitaus attraktiver. Währenddessen schien die Entwicklung in Deutschland stillzustehen; ein zweites, kleineres CAES-Kraftwerk in Ahaus ist zwar geplant, dessen Fertigstellung wird jedoch erst für 2030 erwartet. Die Ereignisse in China verdeutlichten eine klare strategische Weichenstellung: Anstatt auf komplett neue Technologien zu warten, wurden dort etablierte Konzepte konsequent adaptiert, im großen Stil skaliert und zur Marktreife geführt. Dieser pragmatische Ansatz hat China eine führende Rolle in der Energiespeichertechnologie eingebracht.
