Der unaufhaltsame Vormarsch der Künstlichen Intelligenz wird in der öffentlichen Debatte oft als eine schicksalhafte Kraft dargestellt, die unweigerlich zu Wohlstand und Fortschritt führen wird, doch hinter dieser glänzenden Fassade verbirgt sich eine gezielte Strategie mit weitreichenden Konsequenzen. Dieses dominante Deutungsmuster, das maßgeblich von den großen Technologiekonzernen geprägt wird, bezeichnet man als „Politik der Unvermeidbarkeit“. Es inszeniert KI als eine unausweichliche Entwicklung, die unsere Gesellschaften von Grund auf revolutionieren wird. Diese Erzählung verschleiert jedoch bewusst die enormen ökonomischen Interessen, die dahinterstehen, und marginalisiert die tiefgreifenden Gefahren für unsere demokratischen Grundprinzipien, sozialen Strukturen und das Fundament unseres gemeinsamen Wissens. Eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Narrativ ist daher unerlässlich, um die tatsächlichen Risiken zu verstehen und sicherzustellen, dass die technologische Entwicklung der Gesellschaft dient und nicht nur den Interessen einiger weniger mächtiger Akteure.
Die Politik der Unvermeidbarkeit als dominantes Narrativ
Das vorherrschende Narrativ stellt Künstliche Intelligenz gleichzeitig als eine unermessliche Chance für Fortschritt und als ein unausweichliches technologisches Schicksal dar. Politik und Wirtschaft präsentieren sie als die zentrale Innovation der Gegenwart, die zwangsläufig in eine positive Zukunft führen wird – sei es durch eine prosperierende Wirtschaft, ein personalisiertes Bildungssystem mittels Chatbots oder revolutionäre medizinische Durchbrüche. Diese Darstellung erzeugt eine technologische Pfadabhängigkeit und einen immensen Handlungsdruck: Wer nicht umgehend massiv in KI investiert und „auf den Zug aufspringt“, droht, den Anschluss zu verlieren und unwiderruflich „abgehängt“ zu werden. Diese gezielt geschürte Angst vor dem technologischen Rückstand unterbindet von vornherein eine kritische und abwägende Debatte über die Richtung, die Grenzen und die gesellschaftlichen Kosten dieser Entwicklung. Die Diskussion wird somit auf eine rein technische und ökonomische Ebene verengt, während grundlegende ethische und demokratische Fragen unbeachtet bleiben.
Die Urheber dieser Erzählung sind die globalen Technologiekonzerne selbst, die damit eine hochentwickelte Marketingstrategie verfolgen, welche darauf abzielt, neue Märkte zu erschließen und Gesellschaften in technologische Abhängigkeiten zu führen. Mit einer bemerkenswerten Bereitschaft übernehmen politische Entscheidungsträger, Verwaltungen und Wirtschaftsführer dieses Narrativ unreflektiert und verbreiten es weiter, ohne die dahinterliegenden massiven ökonomischen Interessen kritisch zu hinterfragen. Das eigentliche Ziel ist die Kapitalisierung der KI-Möglichkeiten, was die Kontrolle über globale Datenströme, die Schaffung neuer Märkte und die Etablierung privatwirtschaftlicher Infrastrukturen auf globaler Ebene umfasst. Kritische Fragen nach den Auswirkungen auf die Demokratie, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, kulturelle Vielfalt sowie auf die langfristige Entwicklung von Bildung, Arbeitswelten und der öffentlichen Sphäre werden in diesem dominanten Diskurs systematisch an den Rand gedrängt oder als hinderliche Bedenken abgetan.
Machtkonzentration und die Beschleunigung gesellschaftlicher Risiken
Die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz ist extrem kapital- und ressourcenintensiv; sie erfordert gigantische Rechenzentren, riesige Datenmengen, hochspezialisierte Fachkräfte und den Zugang zu globalen Märkten. Diese Voraussetzungen können nur von einer Handvoll globaler Akteure erfüllt werden, was zu einer beispiellosen Bündelung von Macht in den Händen einiger weniger „Tech-Oligarchen“ und ihrer Unternehmen führt. Diese Konzerne entscheiden nicht mehr nur über technische Standards und Geschäftsmodelle, sondern nehmen faktisch Einfluss auf die Struktur der digitalen Öffentlichkeiten. Dieser Prozess verstärkt eine bereits bestehende Tendenz: die Verschiebung gesellschaftlicher Steuerungskapazitäten von demokratisch legitimierten Institutionen wie Regierungen und Parlamenten hin zu privatwirtschaftlichen Plattformen. Diese Plattformen lassen sich nur unzureichend regulieren und operieren mit intransparenten Verantwortungsstrukturen, wodurch neue Formen von Macht, Abhängigkeit und gesellschaftlicher Verwundbarkeit entstehen.
Viele der durch KI aufgeworfenen Probleme – wie Automatisierung, Überwachung, Kontrolle, Manipulation und soziale Ungleichheit – sind zwar nicht gänzlich neu, jedoch sind der Grad der Beschleunigung und die enorme Reichweite der Eingriffe, die KI-Technologien ermöglichen, alarmierend. Systeme, die in Echtzeit gewaltige Datenmengen analysieren, Muster erkennen und Vorhersagen treffen, schaffen nicht nur positive Anwendungsmöglichkeiten, sondern eröffnen auch beispiellose Potenziale für Überwachung, Verhaltenssteuerung, personalisierte Propaganda und automatisierte Diskriminierung. Besonders besorgniserregend ist, dass generative KI die Einstiegshürden für die Erstellung und Verbreitung gefährlicher Inhalte drastisch senkt. Was früher Expertenwissen und erhebliche Ressourcen erforderte, kann heute von praktisch jedem mit einem Smartphone umgesetzt werden, was die massenhafte Produktion und Verbreitung von Deepfakes, gezielter Wahlmanipulation oder der Simulation politischer Ereignisse ermöglicht.
Der Angriff auf die epistemische Grundlage der Demokratie
Die vielleicht tiefgreifendste Bedrohung stellt der Angriff auf die epistemische, also die erkenntnistheoretische, Grundlage demokratischer Gesellschaften dar. Eine funktionierende Demokratie basiert auf der Fähigkeit ihrer Bürger, einen Konsens darüber zu finden, was als wahr, verlässlich oder strittig gilt. KI untergräbt diese Grundlage, indem sie die Unterscheidung zwischen authentischen, dokumentarischen Inhalten und synthetisch erzeugten, manipulierten Inhalten zunehmend unmöglich macht. Wenn große Sprachmodelle als scheinbar neutrale und autoritative Wissensinstanzen auftreten und synthetische Evidenzen nicht mehr von echten zu unterscheiden sind, wird die Öffentlichkeit auf einer fundamentalen Ebene fragil. Diese Entwicklung bedroht nicht nur den Journalismus und die Wissenschaft, sondern auch das alltägliche Vertrauen zwischen den Menschen, das für den gesellschaftlichen Zusammenhalt unerlässlich ist. Die Fähigkeit, gemeinsam Fakten zu bewerten, wird dadurch massiv erschwert.
Die zentrale Frage „Was ist der Fall?“ kann nicht mehr durch den Verweis auf sichtbare Beweise geklärt werden, da diese Beweise selbst manipuliert sein können. Diese Unsicherheit führt zu einer Erosion des Vertrauens in Institutionen, Medien und den öffentlichen Diskurs als Ganzes. Wenn Bürgerinnen und Bürger nicht mehr wissen, welchen Informationen sie trauen können, ziehen sie sich möglicherweise in geschlossene Echokammern zurück, in denen nur noch die eigene Meinung bestätigt wird. Dies fördert die politische Polarisierung und untergräbt die Bereitschaft zum demokratischen Kompromiss. Die Folge ist eine Lähmung der Gesellschaft, da eine gemeinsame Problemlösung ohne eine geteilte Faktenbasis kaum noch möglich ist. Die Demokratie verliert damit ihre Fähigkeit, auf Herausforderungen rational und gemeinschaftlich zu reagieren, was ihre Stabilität von innen heraus gefährdet und sie anfällig für populistische Vereinfachungen macht.
Ein Appell zur Stärkung der menschlichen Handlungsfähigkeit
Angesichts dieser Bedrohungen wurde deutlich, dass die menschliche Handlungsfähigkeit – die „Human Agency“ – gestärkt werden musste. Dies bedeutete mehr als nur die simple Entscheidung, eine bestimmte Anwendung zu nutzen oder abzulehnen. Es ging um die grundlegende Fähigkeit von Individuen und Kollektiven, unter den Bedingungen komplexer und oft undurchsichtiger Algorithmen weiterhin verstehende, reflektierte und verantwortliche Entscheidungen zu treffen. Voraussetzungen dafür waren der Zugang zu Wissen über die Funktionsweisen von KI-Systemen sowie die Schaffung demokratischer Mechanismen, um diese Systeme zu gestalten, zu begrenzen, mitzugestalten oder auch bewusst zurückzuweisen. Die Debatte machte klar, dass KI kein naturgegebener Zustand oder ein unaufhaltsames Schicksal ist, sondern eine gestaltbare gesellschaftliche Praxis. Sie ist ein Ensemble aus Technologien, Institutionen, Normen und Erzählungen, das demokratisch verändert und neu justiert werden konnte und musste.
