Seit dem ersten Januar dieses Jahres hat im öffentlichen Nahverkehr der Hansestadt und des Landkreises Lüneburg eine neue Ära begonnen, die mit dem Start der MOIN Mobilitätsinfrastruktur und -betriebs GmbH eingeläutet wurde. Mit der Übernahme der vollständigen Verantwortung für den gesamten Busverkehr durch dieses kommunale Unternehmen sind große Hoffnungen verbunden: ein moderneres, verlässlicheres und bürgernäheres Verkehrsnetz, das aus einer Hand gesteuert wird, um den wachsenden Anforderungen an die Mobilität in der Region gerecht zu werden. Der Betriebsstart wurde von den Verantwortlichen als großer Erfolg gewertet, doch nur wenige Stunden später sah sich der neue Betreiber mit einer unerwarteten und extremen Herausforderung konfrontiert. Eine schwere Wetterlage führte zu erheblichen Betriebsstörungen und stellte das neue System auf eine harte Probe, die als erster echter Härtetest in die junge Geschichte des Unternehmens eingehen wird und die Widerstandsfähigkeit der neuen Strukturen auf die Probe stellte.
Vom Strategiewechsel zum Neustart
Die Gründung der MOIN GmbH markiert eine grundlegende strategische Neuausrichtung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) in der Region Lüneburg. Hinter diesem Schritt steht die bewusste Entscheidung des Landkreises, die Zügel des Busverkehrs wieder fest in die eigene Hand zu nehmen. Das primäre Ziel dieser Rekommunalisierung ist es, eine direktere Steuerungsmöglichkeit und damit einen größeren Einfluss auf die Qualität, die Pünktlichkeit und die Angebotsgestaltung des Nahverkehrs zu erlangen. Damit soll ein attraktives, barrierefreies und intelligent vernetztes Verkehrssystem geschaffen werden, das für alle Bürgerinnen und Bürger eine verlässliche und komfortable Alternative zum motorisierten Individualverkehr darstellt. Diese Entwicklung ist Teil eines übergeordneten Trends, bei dem Kommunen die Verantwortung für kritische Infrastrukturen zurückgewinnen, um eine bürgernahe und zukunftsorientierte Daseinsvorsorge zu gewährleisten und die Verkehrswende aktiv mitzugestalten.
Interessanterweise war die ursprüngliche Gründungsintention der MOIN GmbH eine andere, was die Flexibilität der kommunalen Planung unterstreicht. Das Unternehmen wurde ursprünglich ins Leben gerufen, um gezielt Fördermittel für den Bau einer neuen Elbfähre zu akquirieren, welche ab diesem Jahr die wichtige Verbindung zwischen Bleckede und Neu Bleckede sicherstellen soll. Die Übertragung der Verantwortung für den gesamten Busverkehr stellt somit eine signifikante Erweiterung des Aufgabenbereichs dar. Durch diese Bündelung wesentlicher Säulen der regionalen Mobilitätsinfrastruktur unter einem einzigen kommunalen Dach sollen wertvolle Synergien geschaffen werden. Dieser ganzheitliche Ansatz ermöglicht eine koordinierte Verkehrsplanung für den gesamten Landkreis, bei der verschiedene Verkehrsträger nicht mehr isoliert betrachtet, sondern als integriertes Gesamtsystem entwickelt und optimiert werden können, um den Bürgern ein nahtloses Mobilitätserlebnis zu bieten.
Eine Welle der Modernisierung
Der Betriebsstart von MOIN wurde von einer umfassenden Modernisierungswelle begleitet, die das Erscheinungsbild und die Qualität des öffentlichen Nahverkehrs in der Region nachhaltig prägt. Das wohl sichtbarste Zeichen dieses Wandels ist die Einführung einer vollständig neuen und hochmodernen Busflotte. Besonders die in leuchtendem Orange gehaltenen Elektrobusse, die nun emissionsfrei und nahezu geräuschlos im Stadtgebiet von Lüneburg verkehren, stehen symbolisch für den Aufbruch in eine klimafreundlichere Zukunft der Mobilität. Parallel zu den neuen Fahrzeugen wurde gezielt in die notwendige Infrastruktur investiert. Bereits im Mai des Vorjahres erfolgte der Spatenstich für einen hochmodernen Elektrobus-Betriebshof im Industriegebiet am Lüneburger Hafen. Mit einem Investitionsvolumen von 9,6 Millionen Euro entstand hier ein zentraler Standort, der nicht nur die Ladeinfrastruktur für die E-Busse, sondern auch eine Werk- und Waschhalle sowie ein Sozialgebäude für die Leitstelle und das Fahrpersonal umfasst.
Mit dem Betreiberwechsel ging auch die Einführung eines komplett neu strukturierten Liniennetzes einher, das darauf abzielt, den öffentlichen Verkehr verlässlicher, übersichtlicher und stärker an den realen Bedürfnissen der Fahrgäste auszurichten. Die Neugestaltung des Netzes basiert auf detaillierten Analysen der Fahrgastströme und verfolgt das Ziel, Verbindungen zu optimieren und Reisezeiten zu verkürzen. Zu den konkreten Verbesserungen zählen unter anderem dichtere Taktungen auf vielen stark frequentierten Stadtbuslinien, die den Fahrgästen mehr Flexibilität bieten. Darüber hinaus wurden die Bedienzeiten der regionalen Hauptlinien bis in die späten Abendstunden ausgeweitet, um auch Berufspendlern und Nachtschwärmern eine bessere Anbindung zu ermöglichen. Ergänzt wird das Angebot durch die Einführung neuer Nachtbusverbindungen an den Wochenenden, die eine sichere Heimfahrt gewährleisten und das städtische Leben bereichern.
Digitale und Flexible Angebote
Der klassische Linienverkehr wird durch das neue On-Demand-System „hvv hop“ intelligent ergänzt, das die bisherigen RufBus- und Anruf-Sammel-Taxi-Systeme ablöst und auf eine neue technologische Stufe hebt. Dieses System ermöglicht flexible Fahrten auf Bestellung, die von den Nutzern bequem per Smartphone-App oder auch telefonisch gebucht werden können. Der Hauptzweck von „hvv hop“ ist es, Angebotslücken insbesondere in ländlicheren Gebieten des Landkreises zu schließen, in denen der Betrieb regulärer Busverbindungen aufgrund geringerer Nachfrage nicht wirtschaftlich wäre. Es schafft somit eine bedarfsgerechte und effiziente Mobilitätslösung, die die Anbindung kleinerer Ortschaften an das Kernnetz des ÖPNV sicherstellt und die Lebensqualität vor Ort deutlich erhöht. Dieses flexible Angebot ist ein entscheidender Baustein für einen flächendeckenden und zugänglichen Nahverkehr für alle Bürgerinnen und Bürger.
Eine weitere bedeutende Neuerung, die den modernen Charakter des neuen Systems unterstreicht, ist die Umstellung auf bargeldloses Bezahlen im Stadtbus-Verkehr, die direkt zum Betriebsstart umgesetzt wurde. Fahrgäste haben nun die Möglichkeit, ihre Tickets unkompliziert und schnell über die hvv App oder per Online-Buchung im Voraus zu erwerben. Alternativ steht eine wiederaufladbare Prepaid-Karte zur Verfügung, die eine einfache und bargeldlose Zahlung direkt im Fahrzeug ermöglicht. Diese Maßnahme zielt darauf ab, den Einstiegsprozess an den Haltestellen erheblich zu beschleunigen, da die zeitraubende Suche nach passendem Kleingeld entfällt. Dies führt nicht nur zu einer höheren Pünktlichkeit der Busse, sondern vereinfacht auch das Fahrerlebnis für die Fahrgäste und reduziert den Arbeitsaufwand für das Fahrpersonal, was zu einem insgesamt effizienteren und kundenfreundlicheren Betriebsablauf beiträgt.
Ein Gelungener Start mit Starken Partnern
Der offizielle Betriebsstart am 1. Januar 2026 verlief nach Angaben der Verantwortlichen reibungslos und wurde als großer Erfolg gewertet. Nikolas Wenzel, der Geschäftsführer der MOIN GmbH, betonte in einer ersten Bilanz den enormen Einsatz aller beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in einer von erheblichem Zeitdruck geprägten Vorbereitungsphase Außerordentliches geleistet hätten. Auch Lüneburgs Landrat Jens Böther hob die zahlreichen Vorteile für die gesamte Region hervor und erklärte, der öffentliche Nahverkehr sei nun moderner, deutlich energieeffizienter und durch die neue Struktur langfristig auch wirtschaftlicher aufgestellt. Diese positiven Rückmeldungen unterstreichen, dass die umfangreichen Planungen und Investitionen der vergangenen Monate Früchte getragen haben und eine solide Grundlage für die Zukunft des Nahverkehrs in Lüneburg geschaffen wurde, die den Bürgern direkt zugutekommt.
Die erfolgreiche Umsetzung dieses umfangreichen und komplexen Projekts war nur durch eine enge und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit erfahrenen Partnerunternehmen möglich. Die MOIN GmbH hat die operativen Fahrleistungen im Rahmen einer Ausschreibung an vier Subunternehmer vergeben: KD-Reisen, eine Bietergemeinschaft aus der DB-Regio-Tochter RBB und IRRO-Reisen, die KVG Stade GmbH & Co. KG sowie die Elite Traffic GmbH. Diese Partner bringen ihr langjähriges Know-how und ihre Expertise in den täglichen Betrieb ein und gewährleisten so einen hohen Qualitätsstandard. Die Bietergemeinschaft RBB/Irro hat beispielsweise zusätzlich in einen eigenen neuen Betriebshof investiert und zahlreiche neue Fahrerinnen und Fahrer eingestellt, was das große Engagement der Partner für den Standort Lüneburg verdeutlicht und die regionale Wirtschaft stärkt.
Der Härtetest Konfrontation mit Extremen Wetterbedingungen
Trotz des erfolgreichen Starts sah sich die MOIN GmbH bereits nach wenigen Betriebsstunden mit ihrer ersten großen operativen Bewährungsprobe konfrontiert. Eine extreme Wetterlage mit Eisregen und spiegelglatten Straßen führte am Freitag, dem 2. Januar 2026, zu erheblichen Störungen im Betriebsablauf. In den frühen Abendstunden musste der Busverkehr aufgrund der gefährlichen Witterungsbedingungen teilweise eingestellt werden, um die Sicherheit von Fahrgästen und Fahrpersonal zu gewährleisten. Während die Regionallinien vorerst gänzlich gestoppt wurden, kam es im Stadtverkehr zu massiven Verspätungen und zahlreichen Ausfällen. Gegen 20 Uhr konnte der Stadtverkehr zwar schrittweise wieder aufgenommen werden, jedoch weiterhin mit erheblichen Unregelmäßigkeiten. Dieser Vorfall machte eindrücklich deutlich, wie anfällig der öffentliche Verkehr für externe Einflüsse bleibt.
Die Situation spitzte sich am darauffolgenden Samstagvormittag, dem 3. Januar 2026, weiter zu. Um 10:47 Uhr wurde die Entscheidung getroffen, den gesamten Busverkehr im Landkreis erneut vollständig einzustellen, da die Straßenverhältnisse eine sichere Fahrt nicht mehr zuließen. Die MOIN kommunizierte diese notwendigen Maßnahmen durchgehend und transparent über ihre Webseite sowie die Social-Media-Kanäle und bat die Fahrgäste um Verständnis und darum, auf nicht notwendige Fahrten zu verzichten oder auf alternative Verkehrsmittel auszuweichen. Bereits gegen 11:30 Uhr konnte der Stadtverkehr auf den geräumten Hauptstraßen stellenweise wieder anlaufen, während der Regionalverkehr erst am späten Nachmittag schrittweise wieder aufgenommen werden konnte. Diese ersten Tage wurden somit zu einer unerwarteten, aber intensiven Bewährungsprobe für die Krisenkommunikation und das operative Management des neuen Unternehmens.
Ein Vielversprechender aber Herausfordernder Anfang
Der Start der MOIN GmbH hatte einen vielversprechenden, aber auch herausfordernden Charakter. Die Ereignisse der ersten Tage zeigten eindrücklich das Spannungsfeld, in dem sich der moderne öffentliche Nahverkehr bewegt. Einerseits repräsentierte das Projekt einen mutigen und gut vorbereiteten Schritt in Richtung eines zukunftsfähigen, bürgernahen und nachhaltigen ÖPNV, der durch die Rekommunalisierung, Investitionen in umweltfreundliche Technologien und kundenorientierte digitale Lösungen geprägt war. Der reibungslose Betriebsstart am Neujahrstag unterstrich das große Engagement und die professionelle Vorbereitung aller Beteiligten. Andererseits machten die wetterbedingten Betriebseinstellungen nur wenige Stunden später deutlich, wie anfällig der öffentliche Verkehr für externe, unkontrollierbare Faktoren bleibt. Diese erste Bewährungsprobe verdeutlichte, wie entscheidend eine proaktive und transparente Krisenkommunikation für die Akzeptanz bei den Fahrgästen ist und lieferte wertvolle Erkenntnisse für die zukünftige Optimierung der Betriebsabläufe unter Extrembedingungen.