Die tiefgreifenden makroökonomischen Verwerfungen der europäischen Gaskrise von 2022 haben eine entscheidende Lektion über die strategische Verwundbarkeit moderner Volkswirtschaften erteilt, die weit über geopolitische Abhängigkeiten hinausgeht. Die zentrale Erkenntnis liegt nicht in der Importabhängigkeit an sich, sondern in der spezifischen Natur des importierten Gutes: Während der Import von Materialien wie Eisen oder chemischen Grundstoffen lediglich sektorale Preisschocks auslöst, die von der Industrie bewältigt werden können, besitzt importierte Energie die fatale Eigenschaft, die gesamte Volkswirtschaft systemisch neu zu bepreisen. Erdgas fungierte als marginaler Preissetzer an den Energiebörsen und löste damit eine Kaskade aus, die Inflation, Zinsanhebungen und massive staatliche Interventionen nach sich zog. Angesichts der aktuellen Pläne, einen erheblichen Teil des zukünftigen Wasserstoffbedarfs durch Importe zu decken, stellt sich die drängende Frage, ob Europa im Begriff ist, die Fehler der Gasabhängigkeit zu wiederholen und sich sehenden Auges in die nächste Energiepreiskrise zu manövrieren. Eine kritische Analyse der Unterschiede zwischen Energie- und Materialimporten zeigt, dass die Lösung in einer radikalen Elektrifizierung und dem gezielten Import grüner industrieller Einsatzstoffe liegt, nicht in der Substitution eines volatilen Energieträgers durch einen anderen.
Die Anatomie des Preisschocks von 2022
Die landläufige Darstellung der Gaskrise als reiner, geopolitisch motivierter Versorgungsschock greift zu kurz und verdeckt den eigentlichen Mechanismus, der die Krise so verheerend machte. Die zentrale Lehre ist nicht die generelle Gefahr der Importabhängigkeit, sondern die spezifische Anfälligkeit, die von einem importierten Energieträger ausgeht, der an der Preisbildungsmarge der Strom- und Wärmemärkte operiert. Erdgas musste nicht der dominante Energieträger in Europa sein, um die Krise auszulösen; es genügte, dass es der marginale war. In den europäischen Strommärkten wird der Preis durch das letzte, teuerste Kraftwerk bestimmt, das zur Deckung der Nachfrage benötigt wird – und dies war häufig ein Gaskraftwerk. Als die Gaspreise explodierten, folgten die Strompreise diesem Anstieg im Gleichschritt, selbst in Ländern, in denen Gas nur einen geringen Anteil an der Gesamtstromerzeugung hatte. Dieser Mechanismus entkoppelte den Strompreis vollständig von den tatsächlichen, durchschnittlichen Erzeugungskosten und machte die Volatilität eines einzigen Brennstoffs zum Preistreiber für das gesamte System, was die eigentliche Ursache für den gesamtwirtschaftlichen Schaden war.
Der durch die Gaspreise ausgelöste Schock blieb keineswegs auf den Strommarkt beschränkt, sondern pflanzte sich mit hoher Geschwindigkeit durch die gesamte Volkswirtschaft fort. Die Heizkosten für private Haushalte stiegen dramatisch an, die Energiekosten der Industrie explodierten und die Transportkosten erhöhten sich signifikant. Diese Entwicklung beschleunigte die Inflation auf ein seit Jahrzehnten nicht mehr gesehenes Niveau, was wiederum die Europäische Zentralbank zu einer strafferen Geldpolitik und abrupten Zinserhöhungen zwang und damit das Wirtschaftswachstum abwürgte. Die Regierungen sahen sich gezwungen, mit fiskalischen Maßnahmen im Umfang von hunderten Milliarden Euro zu intervenieren. Preisdeckel, Subventionen und direkte Eingriffe in die Märkte waren keine optionalen politischen Entscheidungen, sondern eine Notwendigkeit, um einen sozialen und industriellen Zusammenbruch zu verhindern. Dies unterstreicht, dass Energieschocks alle Bürger und Unternehmen gleichzeitig und unmittelbar betreffen. Eine physische Gasknappheit wurde durch eine Kombination aus Nachfragereduzierung und alternativen Lieferungen weitgehend vermieden; der eigentliche Schaden entstand durch die extreme Preisvolatilität, die die Kostenstruktur der europäischen Volkswirtschaften neu definierte.
Energie versus Materialien Ein Fundamental Unterschied
Der entscheidende konzeptionelle Unterschied zwischen Energie und industriellen Einsatzstoffen determiniert ihre jeweilige strategische Bedeutung für eine Volkswirtschaft. Energie in Form von Strom und Wärme ist die Grundlage für nahezu jede wirtschaftliche Aktivität und wirkt sich mit geringer Reibung auf alle Sektoren gleichzeitig aus. Die Preisbildung an den Großhandelsmärkten überträgt sich schnell auf Endkundentarife, Industrieverträge und Verbraucherpreise. Energie steht somit an der Spitze der Kostenkaskade, weshalb ihre Volatilität direkte und unmittelbare makroökonomische Auswirkungen hat. Sie kann nicht einfach gelagert oder substituiert werden, was ihre kontinuierliche Verfügbarkeit zu einem stabilen Preis zu einer Frage der nationalen Sicherheit und des sozialen Friedens macht. Wenn der Preis des marginalen Energieträgers explodiert, wird die gesamte Kostenbasis der Gesellschaft neu kalibriert, was zu den bereits beschriebenen systemischen Krisen führt. Diese Eigenschaft macht die Abhängigkeit von importierter Energie ungleich riskanter als die Abhängigkeit von importierten Materialien.
Im Gegensatz dazu sind industrielle Einsatzstoffe wie Eisen, Ammoniak oder Methanol sektoral begrenzt. Ein Anstieg der Preise für importiertes Eisen betrifft primär die Stahlindustrie und nachgelagerte Branchen wie den Automobil- oder Maschinenbau. Der Schock bleibt jedoch innerhalb dieser Wertschöpfungsketten eingedämmt und führt nicht zu einer allgemeinen Neubepreisung der Strommärkte oder der Haushaltskosten. Unternehmen können diese Risiken durch eine Vielzahl von Instrumenten managen, darunter langfristige Verträge, Lagerhaltung, die Diversifizierung von Lieferanten und die Anpassung der Produktpreise. Staatliche Notinterventionen sind hier selten erforderlich, da die soziale Stabilität nicht unmittelbar gefährdet ist. Ein weiterer entscheidender Unterschied liegt in der Flexibilität und der Möglichkeit zur Pufferung. Industrielle Materialien können für Wochen oder Monate gelagert werden, was Unternehmen Zeit gibt, auf Preisschwankungen zu reagieren. Strom hingegen muss in Echtzeit erzeugt und verbraucht werden. Ein Energieträger wie Gas oder Wasserstoff, der zur Systemstabilität benötigt wird, erfordert eine kontinuierliche und verlässliche Versorgung, bei der Preisspitzen unmittelbare und weitreichende Konsequenzen haben.
Die Wiederholung der Geschichte mit Importiertem Wasserstoff
Die aus der Gaskrise gewonnenen Erkenntnisse lassen sich direkt auf die aktuelle Debatte um Wasserstoff übertragen und zeichnen ein besorgniserregendes Bild. Wenn Wasserstoff als Brennstoff für die Stromerzeugung in Gaskraftwerken, für industrielle Prozesswärme oder zur Bereitstellung von Reservekapazitäten eingesetzt wird, übernimmt er zwangsläufig die Rolle des marginalen Preissetzers, die zuvor Erdgas innehatte. Selbst wenn sein Anteil am Energiemix gering ist, wird sein Preis den Marktpreis für alle bestimmen, sobald er zur Deckung der Spitzenlast benötigt wird. Das Argument, dass „grüner“ Wasserstoff aus befreundeten Ländern dieses Risiko mindert, ist ein Trugschluss, der Emissionsfreiheit mit ökonomischer Stabilität verwechselt. Der Preis für importierten grünen Wasserstoff ist eine Kumulation mehrerer volatiler Kostenfaktoren: die Strompreise im Erzeugerland, Umwandlungsverluste bei der Elektrolyse, Verflüssigungs- oder Umwandlungskosten, Transportkosten und Infrastrukturgebühren. Diese gestapelten Kosten schaffen neue Abhängigkeiten und führen systemische Volatilität ein, anstatt Resilienz zu schaffen.
Die aktuellen Planungen der deutschen Bundesregierung, wonach 50 bis 70 Prozent des Wasserstoffbedarfs im Jahr 2030 importiert werden sollen, müssen vor diesem Hintergrund als strategisch hochriskant eingestuft werden. Deutschland würde sich erneut von globalen Energiepreisen, geopolitischen Risiken in den Exportländern und potenziellen Transportengpässen abhängig machen. Gleichzeitig wird der geplante Bau einer massiven Wasserstoff-Infrastruktur, wie des deutschen „Backbone“, scharf kritisiert. Solche Projekte, die ohne gesicherte Lieferungen von günstigem Wasserstoff oder eine klare Nachfrage entstehen, schaffen eine gefährliche Illusion der Verfügbarkeit und verankern Wasserstoff als politisch geschützte und regulierte Infrastruktur. Dies erhöht den Druck auf den Staat, zukünftige Preisspitzen zu subventionieren und wiederholt die Subventionsdynamik, die vom Gasmarkt bekannt ist. Instrumente wie der CO₂-Grenzausgleich (CBAM) können dieses fundamentale Problem nicht lösen. CBAM verteuert zwar den Import emissionsintensiver Produkte, senkt aber nicht die hohen inländischen Energiekosten. Eine Industrie, die auf teurem, wasserstoffbasiertem Strom produziert, wird durch CBAM global nicht wettbewerbsfähiger.
Ein Strategischer Weg nach Vorne
Die entscheidende Lehre aus dem Jahr 2022 war nicht, dass Europa vom falschen Lieferanten abhängig war, sondern dass es einem importierten Brennstoff erlaubt hatte, die Energiepreise für die gesamte Volkswirtschaft zu bestimmen. Diesen strategischen Fehler mit importiertem Wasserstoff zu wiederholen, wäre fatal. Stattdessen muss eine duale Strategie verfolgt werden, die Europas industrielle Stärken nutzt und gleichzeitig die strategische Verwundbarkeit minimiert. Der erste Pfeiler ist die Priorisierung der direkten Elektrifizierung durch den massiven Ausbau von heimischer Wind- und Solarenergie. Diese Technologien sind zwar kapitalintensiv in der Errichtung, haben aber sehr niedrige und vorhersagbare Grenzkosten. Anders als fossile Brennstoffe oder importierter Wasserstoff bepreisen sie die Volkswirtschaft nicht neu, wenn sich globale Märkte bewegen. Ergänzt durch den Ausbau von Stromspeichern und intelligentem Lastmanagement wird die Abhängigkeit von teuren, marginalen Brennstoffen in Spitzenzeiten weiter reduziert. Elektrifizierung ist somit nicht nur eine Klima- und Effizienzstrategie, sondern vor allem eine Strategie zur Sicherung der Preisstabilität.
Der zweite Pfeiler ist der strategische Import von grünen industriellen Einsatzstoffen. Der Import von grünem Eisen, Ammoniak und Methanol als Materialien birgt keine systemischen Risiken. Ihre Preisvolatilität wird innerhalb spezifischer Wertschöpfungsketten absorbiert und von den Unternehmen gemanagt. Diese Strategie ermöglicht es Europa, sich auf seine Kernkompetenzen zu konzentrieren: die Veredelung und Weiterverarbeitung zu hochwertigen Endprodukten. Dieser Ansatz sichert hochqualifizierte Arbeitsplätze und entkoppelt die industrielle Dekarbonisierung von den hohen und volatilen inländischen Energiekosten. Die Politik sollte daher ihre Prioritäten neu ausrichten: Wasserstoff sollte auf Nischenanwendungen beschränkt werden, wo er alternativlos ist, aber nicht zu einem marginalen Energieträger für Strom und Wärme werden. Infrastrukturinvestitionen müssen sich auf den Ausbau von Stromnetzen, Speichern und Nachfrageflexibilität konzentrieren, nicht auf überdimensionierte Wasserstoff-Pipelines. Der Erfolg der Energiewende sollte an Preisstabilität und industrieller Wettbewerbsfähigkeit gemessen werden, nicht an den durch Pipelines transportierten Wasserstoffvolumina.
