Inmitten der fortschreitenden Digitalisierung des Zahlungsverkehrs rückt ein Projekt von europäischer Tragweite immer stärker in den Fokus von Wirtschaft und Politik: der digitale Euro. Die vom Handelsverband Deutschland (HDE) vertretenen Unternehmen sehen in der Einführung einer digitalen Zentralbankwährung eine monumentale Chance, die strategische Souveränität Europas im globalen Zahlungsmarkt zu festigen und die übermächtige Stellung internationaler Kartennetzwerke wie Visa und Mastercard zu durchbrechen. Doch die Euphorie wird von konkreten und dringenden Forderungen begleitet. Der Verband mahnt eindringlich, dass dieses ambitionierte Vorhaben nur dann ein Erfolg werden kann, wenn es von Beginn an als schlankes, praktikables und vor allem kostengünstiges Zahlungsinstrument für Händler und Verbraucher konzipiert wird. Andernfalls droht das Projekt, noch bevor es richtig Fahrt aufnimmt, an übermäßiger Komplexität und bürokratischen Hürden zu scheitern und die eigentlichen Ziele von mehr Effizienz und fairem Wettbewerb zu untergraben.
Die Kernforderung nach Kosteneffizienz
Die Diskussion um die Ausgestaltung des digitalen Euro, der seit einigen Jahren von der Europäischen Zentralbank (EZB) als Ergänzung zum Bargeld entwickelt wird und sich seit Ende 2023 in einer entscheidenden Vorbereitungsphase befindet, wird maßgeblich von der Kostenfrage dominiert. Für den Einzelhandel ist dies ein kritischer Punkt, da die Gebühren für Kartenzahlungen eine erhebliche finanzielle Belastung darstellen. Allein in Deutschland werden jährlich rund 20 Milliarden Transaktionen abgewickelt, und die stetig steigenden Entgelte der etablierten Kartensysteme schmälern die oft geringen Gewinnmargen der Unternehmen spürbar. Der HDE argumentiert daher mit Nachdruck, dass der digitale Euro als ein öffentliches Zahlungsmittel, das für die Geschäftsbanken kein Kreditrisiko birgt, eine fundamental andere und günstigere Kostenstruktur aufweisen muss. Die zentrale Forderung lautet deshalb, eine verbindliche und transparente Kostenobergrenze von maximal vier Cent pro Transaktion gesetzlich zu verankern. Nur unter dieser Voraussetzung wäre eine obligatorische Akzeptanz des neuen Zahlungsmittels für den Handel überhaupt tragbar.
Die Notwendigkeit einer strikten Kostenkontrolle wird auch durch die Sorge vor einer verdeckten Umverteilung der Lasten genährt. Scharfe Kritik übt der HDE insbesondere an den Plänen, den ausgebenden Banken und Wallet-Anbietern eine Vergütung für die Bereitstellung der notwendigen Infrastruktur zu gewähren. Aus Sicht des Handels besteht hier die akute Gefahr, dass ein solches Kompensationsmodell lediglich das bekannte und vieldiskutierte Interchange-System aus dem Kreditkartengeschäft unter neuem Namen reproduziert. Ein solches Vorgehen würde die Kosten letztlich über Umwege wieder auf die Händler abwälzen und das ursprüngliche Versprechen eines kostengünstigen, öffentlichen Zahlungssystems konterkarieren. Statt eines echten Wettbewerbsvorteils entstünde so nur eine weitere Belastung, die die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Einzelhandels schwächen würde. Der Verband fordert daher eine klare Abkehr von solchen Modellen und eine Fokussierung auf ein System, das die Effizienzvorteile der Digitalisierung direkt an die Wirtschaftsteilnehmer weitergibt, anstatt neue Einnahmequellen für Finanzintermediäre zu schaffen.
Strukturelle Hürden und die Frage der Akzeptanzpflicht
Neben der zentralen Kostenfrage sieht der Handelsverband weitere erhebliche Hürden in den bisher diskutierten Rahmenbedingungen für den digitalen Euro. Ein wesentlicher Kritikpunkt betrifft die geplanten Haltegrenzen für digitale Guthaben. Diese Obergrenzen sollen zwar verhindern, dass es zu massiven Abflüssen von Einlagen bei Geschäftsbanken kommt und somit die Finanzstabilität gefährdet wird, doch für den Handel würden sie in der Praxis einen erheblichen Mehraufwand bedeuten. Unternehmen müssten kontinuierlich ihre digitalen Kontostände überwachen und überschüssige Beträge umbuchen, was nicht nur zusätzliche administrative Prozesse erfordert, sondern auch den reibungslosen Ablauf von größeren Geschäftstransaktionen, insbesondere im B2B-Bereich, erschweren könnte. Diese regulatorische Hürde steht im Widerspruch zum Ziel, ein möglichst unkompliziertes und effizientes Zahlungsmittel zu schaffen, das sich nahtlos in die bestehenden Geschäftsprozesse integrieren lässt und einen echten Mehrwert bietet.
Angesichts dieser Bedenken positioniert sich der HDE klar gegen eine generelle Akzeptanzpflicht für den digitalen Euro, solange keine eindeutigen und nachhaltigen Kostenvorteile für die Unternehmen ersichtlich sind. Eine gesetzliche Verpflichtung zur Annahme des neuen Zahlungsmittels wäre aus Sicht des Handels nur dann gerechtfertigt, wenn die Vorteile die damit verbundenen Aufwände und potenziellen Nachteile deutlich überwiegen. Der Verband betont, dass die Einführung des digitalen Euro nicht zu einer weiteren regulatorischen Belastung für den Handel führen darf. Die Entscheidung über den zukünftigen Rechtsrahmen, die in den kommenden Monaten ansteht, wird daher mit großer Spannung erwartet. Sie wird darüber entscheiden, ob der digitale Euro als ein wettbewerbsfähiges und innovatives Instrument in den Markt eintreten kann oder ob er sich zu einem regulatorisch überladenen und letztlich unattraktiven System entwickelt, das seine eigenen Potenziale nicht ausschöpfen kann.
Ein entscheidender Wendepunkt für den europäischen Zahlungsverkehr
Die Weichen für die Zukunft des digitalen Euro wurden in einer intensiven Debatte gestellt, in der die Interessen des Handels auf die regulatorischen und sicherheitstechnischen Erwägungen der Zentralbanken trafen. Die Verhandlungen über den finalen Rechtsrahmen erwiesen sich als entscheidender Moment, der darüber bestimmte, ob das Projekt die in es gesetzten Erwartungen erfüllen konnte. Für den HDE und die von ihm vertretenen Unternehmen war klar, dass der Erfolg untrennbar mit der Schaffung eines effizienten und vor allem kostengünstigen Systems verbunden war. Letztlich wurde erkannt, dass nur ein digitaler Euro, der eine echte Alternative zu den bestehenden, von Gebühren dominierten Zahlungssystemen darstellte, die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Handels wirklich stärken konnte. Die getroffenen Entscheidungen legten das Fundament dafür, ob dieses ambitionierte Vorhaben als Meilenstein der europäischen Souveränität oder als teurer Fehlschlag in die Geschichte eingehen würde.
